Read Aussichten auf den Bürgerkrieg by Hans Magnus Enzensberger Online

aussichten-auf-den-brgerkrieg

Mit dem Ende des Kalten Krieges hat auch den machtgesch tzten Idyllen des Westens die Stunde geschlagen Das beklemmende Gleichgewicht der Pax atomica existiert nicht mehr Stattdessen sieht sich die Welt mit Dutzenden von B rgerkriegen konfrontiert Niemand war auf diese Lage gefa t, und keiner wei , wie es weitergeht Nicht nur in der Dritten Welt, im Osten und auf dem Balkan wird gek mpft Auch in den Metropolen, so lautet Enzensbergers These, hat der molekulare B rgerkrieg bereits begonnen Vor diesen Konflikten versagen alle herk mmlichen Schemata und Erkl rungen Klassenkampf, Jugendrevolte, nationale Befreiung Die Ideologien dienen nur noch als austauschbares Kost m berzeugungen sind nicht mehr vorhanden Das Gemeinsame der gro en und kleinen B rgerkriege ist der Autismus der Gewalt und die Neigung zur Selbstzerst rung, zum kollektiven Amoklauf W hrend es brennt, ist mehr denn je zuvor von den Menschenrechten die Rede Man berh uft uns mit Beschw rungen und Schuldzuweisungen Die Schere aber zwischen den hocherhobenen Anspr chen und ihrer Einl sung ffnet sich weiter mit jedem Tag berfordert sind nicht nur die Einzelnen, sondern auch die politischen Systeme Die Zahl der Verlierer, der berfl ssigen Menschen , nimmt rapide zu Auch an der Frage der Interventionen zeigt sich immer deutlicher, da die Rhetorik des Universalismus gescheitert ist Vielleicht ist es an der Zeit, von unseren moralischen Allmachtsphantasien Abschied zu nehmen und unsere bescheidenen Kr fte auf das zu konzentrieren, was wir leisten k nnen und wof r wir zu haften haben Von der Leichtigkeit, die man diesem Schriftsteller nachsagt, ist in Enzensbergers j ngster Arbeit nichts mehr zu sp ren Aus seinem Versuch, ein moralisches und politisches Minenfeld zu erkunden, spricht ein bisweilen qu lender Ernst Das Ergebnis verspricht keinen Trost, nichts Endg ltiges, im besten Fall mehr Klarheit die Panik w re ein Luxus, den wir uns nicht leisten k nnen....

Title : Aussichten auf den Bürgerkrieg
Author :
Rating :
ISBN : 3518407694
ISBN13 : 978-3518407691
Format Type : Other Book
Language : Deutsch
Publisher : Suhrkamp 5 September 1993
Number of Pages : 180 Pages
File Size : 869 KB
Status : Available For Download
Last checked : 21 Minutes ago!

Aussichten auf den Bürgerkrieg Reviews

  • Historienfreak
    2019-05-01 14:26

    sollte man gelesen haben. Enzensberger liegt nicht jedem, doch wer seine bisherigen Essays und Bücher gelesen hat, ist mit diesem gut beraten.Der Autor sieht den Grund für die zukünftigen Konflikte in einer anonymisierten Welt, in der die Menschen nicht durch Hunger und Not zur Gewalt, oder durch ideologische Gegensätze, getrieben werden sondern aus Lust am Erlebnis. Bei der Gewalt als Hauptevent durchleuchtet er auch kritisch die Rolle des Staates, der nicht mehr überall Gewillt und in der Lage sein wird durchzugreifen und somit rechtsfreie Räume akzeptiert.Der alte Gegensatz der Supermächte verhalf vielen Staaten zu einer gewissen Stabilität, da die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ihre Parteigänger ideologisch und materiell unterstützten und die jeweiligen Feindbilder einigend wirkten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, interessiert sich die verbliebene Supermacht nicht mehr für viele ärmere Staaten, die im Chaos versinken.Da das westliche kapitalistische System nicht mehr vom Kommunismus bedroht ist, müssen diese Staaten auch nicht mehr mit sozialistischen Staaten um Sozialleistungen wetteifern. Viele Menschen sind zwar materiell nach wie vor gut versorgt, aber befinden sich - chancenlos - am Rande der Gesellschaft und diese machen mit Gewalt auf sich aufmerksam.

  • Milchbar9
    2019-05-15 10:26

    Die ältesten Überlieferungen der Menschheit handeln hauptsächlich von Mord und Totschlag. Nach dem Ende des Kalten Krieges erscheint es, dass Kriege, auch kleine, molekulare, dort weiter machen, wo sie immer Zuhause waren. Die herkömmlichen Beschreibungen dafür versagen, kein Klassenkampf ist es oder eine Jugendrevolte und schon gar nicht nationale Befreiung. Ideologien sind nur noch austauschbare Kostüme. Die Gewalt und der Hass frönen anscheinend einem Autismus, dessen Neigung zur Selbstzerstörung, zum kollektiven Amoklauf überraschen. Die Zahl der Verlierer nimmt täglich zu und politische Systeme reagieren mit Autismus ebenso, sie verfestigen und beharren, ohne zu klären – wo aber liegen die Ursachen?Die Rhetorik des Universalimus ist nach Enzensberger (HME) gescheitert. Vielleicht ist es an der Zeit, von unseren moralischen Allmachtsphantasien Abschied zu nehmen und unsere bescheidenen Kräfte darauf zu konzentrieren, was wir leisten können und wofür wir zu haften haben, formuliert Enzensberger. Geschrieben 1995, lesen wir in diesem Buch jene Dinge, die uns heute explosiver und lauter begegnen als vor 20 Jahren, ein hellsichtiger Denker auf der Suche nach Ursachen. Nachdem Krieg und Einflussnahme in anderen Staaten aber nicht mehr lohnt sind die kämpfenden Truppen nicht abgestorben, sie sind degeneriert zu Gruppen, die rauben, morden, plündern.Diese Bürgerkriege haben nach HME längst Einzug gehalten in Metropolen des Westens, ihre Kämpfer werden immer jünger, ihre Zahl wird immer größer, ihre Aktionen deutlich merkbarer, Flächenbrände jederzeit möglich. Was Enzensberger nicht sah bzw. 1995 ausschloss, waren religiöse Begründungen. Sie haben sich aber massiv über Gewalt gestülpt, wie schon immer. Dabei phantasiert Enzensberger von einer Hochreligion, die jedoch nichts anderes jemals war als Unterdrückung, Versklavung und Beute machen, auch im maurischen Spanien. Was aber, wenn man diese ganzen argumentativen Verkleidungen abzöge, läge dahinter? Darum geht es in diesem Buch.Was Enzensberger zudem unterschätzt, sind die negativen Folgen des globalisierten Kapitalismus, er tut sie einfach mit zwei Sätzen ab und meint, im Stil eines Neo_Kapitalisten, dass dies nicht zu verhindern sei. Man müsste sonst Konzerne enteignen und den Frankfurter Flughafen schließen. Also, dies alles abgezogen, konstatiert ME einen konstitutiven Hass auch in hochentwickelten westlichen Gesellschaften, jeder Unterschied wird zum lebensgefährlichen Risiko. Es ist, als ob es den Einzelnen völlig einerlei sei ob sie leben oder nicht, eine tiefe Depression, ein Hass am Leben sei überall. Je mehr man hat, umso weniger fühlt man.Und dann dieser (r.) Satz: „So groß der genetische Pool an Dummheit auch sein mag, er reicht nicht aus, die gewaltförmige Selbstzerstörung zu erklären. Man könnte es auf die Türkei heute übertragen und diese Aussage HME’s einfügen: Der dümmste Präsident weiß ebenso wie der dümmste Rambo, dass der Bürgerkrieg, den er führt, das eigene Land in eine ökonomische Wüste verwandeln muss. Der einzig mögliche Schluss ist, dass die kollektive Selbstverstümmelung nicht ein Nebeneffekt ist, sondern das eigentlich Ziel. Auch hier hätte ein intensives Studium der dritten monotheistischen Religion ME erklären können, warum das so ist. Stattdessen stülpt der mögliche Begründungen über alle und ergänzt: Die Täter gingen mit wütender Gründlichkeit vor, sie waren erst zufrieden, nachdem alles zerstört war, die Kategorie der Zukunft war verschwunden. Das Regulativ der Selbsterhaltung ist außer Kraft gesetzt. HME: In einer Welt, durch die lebende Bomben irren, bleibt nur noch eine negative Utopie übrig – der Hobbesschen Urmythos vom Kampf aller gegen alle.Dass der Mensch von Natur aus gut sei, diese merkwürdige Idee hat in der Sozialarbeit ihr letztes Reservat. HME greift mit dieser Aussage tief in die Glaubensleere der Sozialdemokraten ein und sieht in ihren Wortkanonaden eine seltsame Mischung aus Milieu- und Sozialisationstheorien und eine entkernte Version der Psychoanalyse. HME: Solche Vormünder nehmen in ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit den Verirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab. Jeder Totschläger erhält mithin einen Multiple Choice Fragebogen, den er zu seinem Besten ausfüllen darf. Aus Verbrechern werden Klienten….usw. Es lässt sich bis zum heutigen Tag weiterführen. Alles Denken der Welt dreht sich um Ungerechtigkeiten, die aber in der heutigen modernen Gesellschaft tagtäglich produziert werden, in absurden Geschwindigkeiten, und um dann umso stärker an Gegenwehren und schlichten Begründungszusammenhängen zu basteln.Entvölkerung, Vertreibung, totale Dezimierung - wie ist es begründbar? Gehorchen wir einem biologischen Imperativ bzw. einem geheimen Überlebensinstinkt der Spezies? ME sieht biologische Begründungen negativ bzw. als gescheitert, er findet keine schlüssigen Antworten darauf, obwohl seine Aussichten auf den auch bei uns stattfindenden Bürgerkrieg völlig stimmen. HME meint insbesondere, dass vor allem Künstler schon immer ein merkwürdiges Anbetungsverhalten dem Verbrechen gegenüber hatten und haben und wir heute im Fernsehen durch absurdeste Krimi-Feldzüge dahingehend sediert werden, selbst den Stein des Sysiphos immer wieder nach oben zu tragen. ME nennt diese Huckepackladung Frieden, eine Ablenkung also vom zugrunde liegenden Aggressions- und Revierverhalten, das uns von der Natur mitgegeben wurde. So interpretiere ich ihn.Tautologische Kringel der Grafitischmierer. (S. 69) Graffiti vermitteln keine Kunst, sondern nichts anderes als Tags des Bürgerkriegs, Abzeichen der jeweiligen Reviere, archaische Ausdrücke der Sehnsucht nach Schrecken.

  • ulrichm15
    2019-04-21 10:16

    Bürgerkriege, Terrorismus, Amokläufe und Vandalismus sind Phänomene von heute. Es ist wichtig, die Mechanismen, die dazu führen, zu kennen and zu beschreiben. Gibt es ein Buch, das dies leistet? Ja, es wurde lange vor dem 11. September 2001 geschrieben. Hans Magnus Enzensbergers 20 Jahre alte "Aussichten auf den Bürgerkrieg" lesen sich wie eine Analyse des syrischen Bürgerkriegs und anderer aktueller Gewaltphänomene. Auch die Reaktion verschiedener westlicher Kräfte (militärische Intervention oder nicht?) wird in diesem Buch säuberlich vorausgesagt und kritisch analysiert.Das schmale Buch ist reich an brillanten Beobachtungen. Im Kapitel V analysiert Enzensberger zum Beispiel den Typus des sozialdemokratisch-therapeutischen "Gutmenschen" treffend, lange bevor dieser umstrittene Begriff in der öffentlichen Diskussion auftaucht. Den heute grassierenden Verschwörungsphantasien wird eine Absage erteilt: Sie "... verdunkeln nur die entsetzliche Wahrheit: In ... den Metropolen ebenso wie in den armen Ländern werden immer mehr Menschen für immer aus dem ökonomischen Kreislauf ausgestoßen, weil sich ihre Ausbeutung nicht mehr lohnt". Wer bestreitet, dass dieser lange vor der Einführung von Hartz4 geschriebene Satz seine Gültigkeit behält? Wer glaubt, dass dieses grimmige Faktum durch den Sieg irgendeiner romantisch-revolutionären Kraft aus der Welt gesetzt werden kann?Die Hoffnung auf eine bessere Welt soll nicht sterben, aber sie sollte von einem nüchternen Weltbild ausgehen. Enzensbergers Buch bietet genau dies.